Lucca, Pisa und dazwischen

Mafia

Auf dem Weg zu meiner letzten Station in Italien, treffe ich dann doch noch auf die Mafia!
OK, vielleicht nicht direkt die Mafia, aber bestimmt so etwas ähnliches.

Jedenfalls fahre ich auf der Autobahn, als ich ein Geräusch höre, ich kann aber auf den ersten Blick nichts entdecken, vielleicht ein fliegendes Steinchen.
Dann fährt hinter mir aber ein italienisches Auto, das wild hupt und lichthupt.
Da ich vermute, dass an meinem Auto etwas nicht Ordnung ist, halte ich in der nächsten Haltebucht an.
Der ebenfalls haltende Fahrer gibt mir zu verstehen, dass ich beim Überholen an seinen linken Außenspiegel gefahren bin.
Tatsächlich ist der zerbrochen.
Mir kommt das merkwürdig vor, ich hätte doch gemerkt, wenn ich ihn so eng überholt hätte.
Zum Beweis zeigt er mir einen schwarzen Strich von seinem Spiegel auf meiner rechten Busseite.
Hmm, muss wohl doch was passiert sein.
Als er mir dann aber rät, den Schaden doch lieber gleich bar zu zahlen, mehr als 160,–€ wären das nicht und die Versicherung würde mich ja sonst hoch stufen, werde ich wieder misstrauisch.
Ich biete ihm eine Abwicklung über die Versicherung an, weigere mich aber Bargeld zu zahlen.
Dann jammert er ein bisschen, dass es kompliziert werden wird mit einer deutschen Versicherung.
Als mich das noch immer nicht erweicht, hat er es plötzlich eilig, muss “bambini, bambini” abholen und würde sich mit 50,–€ zufriedengeben.
Da ich ihm weiterhin meine Versicherung anbiete, gibt er mir die Hand, “it’s OK” und fährt davon.

Später lese ich, dass das eine bekannte Masche ist. Vorbeifahrende Fahrzeuge werden markiert, z.B. in dem ein Stift an einem Stock aus dem Fenster gehalten wird.
Der Spiegel ist sowieso schon kaputt und man kassiert Bargeld für den vermeintlich verursachten Schaden.
Tatsächlich kann ich den schwarzen Strich ganz einfach abwischen und bin froh, nichts gezahlt zu haben!

Campingplatz

Zum Campingplatz führt eine unbefestigte Straße, er liegt ziemlich abseits.
Er ist aber relativ neu und liebevoll gemacht. Der Sanitärbereich ist eindeutig der Beste, den ich bisher getroffen habe.
Er ist sogar geheizt, und das so sehr, dass ich die Heizung abdrehe und den Platzverwalter frage, ob das OK ist.
Der ist sowieso sehr nett, spricht sehr gut Englisch.
Er freut sich über mein Lob und erzählt, dass der Campingplatz ein Familienbetrieb ist und sie nach und nach alles selber machen.

Außerdem gibt es einen Pool, in dem ich zum ersten Mal meine Badehose benutze.

Man kann kostenlos waschen und Wäscheständer benutzen.
In der Rezeption gibt es Wein, der 4 km entfernt angebaut wird.
Ich fühle mich auf dem Platz genauso wohl, wie die vielen Eidechsen.

Wir sprachen ja schon vom Alleinsein.
Am Abend verabschiedet sich der nette Platzbesitzer – und diesmal bin ich ganz allein!
Einerseits ist es ganz schön, 2 Herren-Toiletten, 4 Duschen, 7 Abwaschbecken und auch sonst alles für mich haben zu können.
Als ich dann abends oben im Dach schlafe, im Wald ein Käuzchen ruft und es sonst still ist, fühlt es sich doch ein bisschen komisch an.

Am nächsten Tag kommen 3 Autos, das finde ich ganz gut.

Lucca

Der Campingplatz liegt unweit einer Bahnstrecke. Zum nächsten Bahnhof (Ripafratta) sind es 15 min Fußweg.
Von dort benötigt der Zug 7 min nach Lucca, 20 min nach Pisa.

Lucca ist schön, in Lucca gibt es, für italienische Verhältnisse, viele Fahrradfahrer, Lucca, zumindest das Zentrum, ist überschaubar.
Dennoch springt der Funke nicht richtig über. Ich weiß nicht genau warum, vielleicht, weil es auch hier mehr Touristen als Einheimische zu geben scheint.

Dennoch genieße ich den Tag, nehme caffè und dolce unterm Sonnenschirm.

Ich klettere auf einen Turm, der seine Bäume dem Himmel etwas näher bringt.

Und gönne mir, bevor ich zurück fahre, noch ein italienisches Abendessen.

Pisa

Ich habe wirklich überlegt, ob ich nach Pisa fahre.
Schiefer Turm, sieht man den überhaupt vor lauter Menschen? OK, der ist hoch, ist ja schließlich ein Turm.
Aber ihr wisst, was ich meine.
Am Abend vor dem geplanten Besuch, treffe ich zwei Deutsche auf dem Platz. Sie machen mir Pisa nochmal richtig madig.
“Den Turm kann man sich im Internet angucken, ansonsten biete Pisa gar nichts!”
Sie empfehlen ein paar andere Städte.
Da ich aber inzwischen den Termin mit Melanie in Barcelona im Blick habe, möchte ich nicht mehr woanders hin.

Nachts träume ich schlecht.
Ich wohne mit Melanie in einer österreichischen Großstadt.
Wir haben eine wirklich riesige Wohnung, mehr eine Etage in einer Art Palast.
Das Treppenhaus ist völlig aus Marmor, mit Freitreppen. Wenn ihr das “Neue Rathaus” in Hannover kennt: so ungefähr.
Nein, nein, das war noch nicht der schlechte Teil.
Ein Stockwerk höher feiert ein (echter) Arbeitskollege aus der IT eine “Hochzeitsparty”. Es geht aber gar nicht ums Heiraten, es ist mehr so eine Kostümparty.
Ich möchte da eigentlich auch hin, Melanie ist schon da, bin aber nebenbei beim Geheimdienst und muss sofort zu einer geheimen Mission nach Asien aufbrechen.
Außerdem habe ich eine Konzertkarte für John McLaughlin in Wien (ihr erinnert euch, Sri Chinmoy, Salzburg!).
Da kann ich natürlich auch nicht hin.
Auf der Straße, auf dem Weg zum Flughafen,  treffe ich einen Geschäftspartner (keine Ahnung, was ich so für Geschäfte mache).
“Herr Ortlieb, schön, dass ich Sie treffe, kommen Sie doch zu unserem Business-Dinner!”
“Tut mir leid, heute habe ich wirklich keine Zeit.”
“Da verpassen Sie aber etwas!”
“Sie glauben gar nicht, was ich heute alles verpasse!”

Eigentlich träume ich selten so deutlich!
Ein weiteres Reise-Thema: Fokussieren und den Rest loslassen!

Ich fahre also doch mit dem Zug nach Pisa, bin aber schon um 8:00 da, ich hoffe, der Turm guckt dann noch ein bisschen aus den Menschenmassen raus 🙂 .
Was soll ich sagen, vielleicht ist es der alte Trick, nicht zu viel zu erwarten: mir gefällt Pisa!

Ich gehe als erstes zum “Feld der Wunder”, da wo der Turm, die zugehörige Basilika, der schiefe Turm ist ja eigentlich nur der Glockenturm der Basilika, und eine separate Taufkapelle stehen.
Die konnten sich was leisten, die Pisaner!
Hey, die heißen wirklich so, das hat mich ein paar Minuten gekostet, das herauszufinden.
Als ich nicht weiter kam, dachte ich, ich gebe mal was Doofes ein, vielleicht kommt das Richtige: “Pisaner”.
Und siehe da: das war richtig!

Das Ganze wurde übrigens 1118 geweiht.
Später werde ich noch eine Basilika besuchen, die “unser Papst” (ja, wirklich Benedikt XVI!) geweiht hat.
Ich muss ja gelegentlich einen Teaser einbauen, damit ihr weiter lest!

Jetzt aber endlich mal zur Sache.
Das Ensemble auf dem Feld der Wunder ist toll! Der Turm, schief hin oder her, ist einfach ein beeindruckendes Bauwerk.

In Pisa habe ich, nur ein bisschen abseits des “Feldes der Wunder”, das Gefühl, in einer richtigen Stadt mit richtigen Menschen, die da wohnen, zu sein.
Das fühlt sich gut an.
Fast die Hälfte der Bewohner sollen Studenten sein.
Außerdem ist es im Zentrum vielleicht keine großartige, aber eine schöne, lebendige Stadt.
Und mal ehrlich: wäre ich direkt nach Pisa geflogen und von da zurück hätte ich es großartig gefunden!

Die Rückfahrt hält dann noch ein paar Schwierigkeiten bereit.
Ich stehe auf Bahnsteig 2 und warte auf meinen Zug, auf dem Abfahrtsplan war das Gleis mit einem Zusatzbuchstaben angegeben, den ich nicht deuten konnte.
Als ich in der Ferne ein anderes Gleis 2 liegen sehe, dämmert mir, dass ich falsch bin.
Im Laufschritt geht es zum anderen Gleis, ich springe in die offene Tür, sie schließt sich, der Zug fährt ab.
Da es im Zug keine Anzeigen und auch keine Durchsagen gibt, versuche ich über Google Maps nachzuverfolgen, wo ich bin.
Wir halten, ich schaue hinaus: grüne Wiese, wohl ein Halt auf freier Strecke.
Auch das Handy zeigt mir, ich bin noch nicht in Ripafratta.
Da springt der kleine blaue Punkt, das bin sozusagen ich, mit einem Mal genau auf meinen Zielort.
Ich raffe meine Sachen zusammen und stürze zum Ausgang.
Wir halten gar nicht auf freier Strecke.
Der Bahnhof ist nur so winzig, dass ihn der lange Zug vorne und hinten überragt.
Ich springe also aus der Zugtür auf die Wiese und gehe von da zum Bahnsteig.
Der Schaffner guckt etwas irritiert, sagt irgendetwas, ich sage “si,si, Ripafratta” und er lässt mich ziehen.

Posted in Busfahrt.

6 Comments

  1. You are not alone! ☺️ Lustig, wir fanden Pisa damals schrecklich… Wahrscheinlich wegen der hohen Erwartungen und tatsächlich wegen der schlechtesten Pizza ever… Liebe Grüße!

    • Ich hatte Nudeln mit grünem Spargel. Das war zumindest OK.
      Tja, da bleibt, wie so oft, nur übrig, sich selbst ein Bild zu machen und dann zu entscheiden, wie man Pisa findet :-).

  2. Die Fotos sind wunderschön-du hast wie immer einen tollen Blick für die richtige Einstellung deines Hightech-Apparates! Ich möchte auch gerne mal mit dir in die Toscana, bestellst du dann den fröhlichen Geiger für unser Candlelightdinner?? Man könnte meinen, du warst fast der einzige Tourist – oder hast du alle anderen wegretouchiert?? Ich hätte nichts gegen einen Campismo nur für uns.

  3. Pingback: Gordes – Christian Ortlieb

  4. Pingback: Italien – Christian Ortlieb

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