Lissabon

LX-Factory

Über eine Brücke, die auf den ersten Blick an die Golden Gate Bridge erinnert, fahre ich an einem Sonntag über den Fluß Tejo nach Lissabon ein.
Tatsächlich wurde die Brücke von einer amerikanischen Firma gebaut, die ebenfalls eine große Brücke in San Francisco errichtet hat.
Allerdings die Oakland Bay, nicht die Golden Gate Bridge.

In Lissabon stelle ich mich nicht auf den Campingplatz.
David hatte mir erzählt, dass er öfter in Hostels geht, weil es dort manchmal billiger ist als auf einem Campingplatz.
Tatsächlich ist der Campingplatz in Lissabon teuer: 32,–€ pro Nacht. Für das Hostel bezahle ich 22,–€ – mit Frühstück.
Auf hostelworld.com finde ich ein geeignetes Hostel. Es ist mir wichtig, dass ich meinen Bus sicher in der Nähe parken kann.

Es liegt in der LX-Factory, einem alten Industriegelände.

Heute siedeln dort Künstler, Start-ups, Cafès und Restaurants – und eben mein Hostel The Dorm.

Zwar schläft man auch hier in Mehrbettzimmern, aber jedes Bett befindet sich in einer Art „Schuhkarton“ aus groben Spanplatten, mit einer Matratze, einem abschließbaren Kasten, Haken an der Wand, Licht, Steckdosen und einem Vorhang zum Davorziehen.
Dadurch hat man immerhin ein bisschen Privatsphäre und Schlafruhe.
Der Gemeinschaftsraum ist mit seinem Industrie-Schick, alten Sesseln und Sofas, Lichtobjekten und einem großen Esstisch sehr einladend.
Oft sitze ich am späten Abend, wenn ich den Tag beendet habe, noch draußen in einem der Cafés der LX-Factory und trinke ein Bier oder ein Glas Wein.
Ich genieße auch das morgendliche Frühstück mit den anderen Hostelgästen.
Besonders am zweiten Morgen findet sich eine nette Runde rund um den großen Tisch ein.
Eine spanische Meeresbiologin, die in einer „Dolphin-watching“ Agentur in Ferragudo arbeitet.
Zwei brasilianische Forstingenieure sind auf einer Studienreise, sie haben ein kleines Unternehmen gegründet.
Sie entwickeln einen Service, um basierend auf verschiedenen Parameter, die Erträge von Wäldern vorauszuberechnen.
Außerdem zwei junge deutsche Studentinnen.
Da ich sonst meistens alleine an meinem Campingtisch frühstücke, genieße ich die Gesellschaft und unsere lebhafte Unterhaltung.

Lissabon

Am ersten Morgen nach meiner Ankunft starte ich mit einer geführten Fahrradtour.
Das hat sich in Barcelona bewährt, um einen Überblick über eine neue Stadt zu bekommen.
Da es keine deutschsprachige gibt, mache ich die englische Tour.
Ich fahre mit zwei Männern aus Florida, einer Frau aus New York und einer aus San Francisco.
Alle vier lassen kein gutes Haar an ihrer aktuellen Regierung und machen sich Sorgen um sich und ihr Land.

Lissabon ist sehr hügelig. Daher starten wir von einer hochgelegenen Station und fahren schließlich hinab zum Tejo, dann am Fluss entlang nach Belém.
Im Stadtbild finden sich einige Zeugnisse einer Katastrophe, die Lissabon 1755 fast vollständig zerstörte.
Ein starkes Erdbeben ließ Gebäude zusammenbrechen. In der Folge lösten die Herdfeuer und Kamine in den zerstörten Gebäuden einen Großbrand aus.
Als sich die Bewohner davor an den Tejo flüchten wollten, wurden sie von einem Tsunami getroffen, den das Beben ausgelöst hatte.
Danach wurden Lissabon wieder aufgebaut, möglichst Erdbeben sicher und Brand geschützt.
Ein Stadtteil wurde verschont, das ehemalige Rotlichtviertel Alfama, da sind noch alte Gebäude zu sehen.

Am Abend esse ich im „Time Out Market“, ein Tipp des Fahrrad-Guides.
Dort unterhalten viele Lissaboner Restaurants in einer alten Markthalle Ableger, die in Ständen rund um die Halle verteilt sind.
Man sucht sich dort etwas Passendes aus und setzt sich dann in den gemeinsamen Sitzbereich in der Mitte der Halle.
Abends ist dort viel los, mein Fisch und der Vinho Verde dazu sind lecker.

Am nächsten Tag treibe ich mich weiter in der Stadt herum.
Ich klettere auf einen Aussichtspunkt, von dem man einen weiten Blick auf die Stadt und den Tejo hat.

Auf dem Rückweg halte ich an einem Café in Alfama.
Mein Freund Google hat es mir empfohlen (OK, die Freundschaft ist ein bisschen ambivalent, er ist sehr hilfreich, aber er macht mir auch ein wenig Angst, aber dazu vielleicht später mehr).
Die Kommentare erwähnen eine äußerst hilfreiche Wirtin.
Außerdem klingt mir der Name sympathisch.
Das Café ist, wie fast alle Cafés in allen Ländern, die ich auf dieser Tour bereist habe, nicht das, was wir uns unter einem schicken Café vorstellen.
Drinnen klein, düster, schmucklos.
Draußen wenige Stühle und kleine Tische.

Dorthin setzte ich mich, trinke einen Galão und esse das empfohlene Küchelchen.
Aus irgendeinem zauberischen Grund verfalle ich sofort in eine völlig entspannte Stimmung.
Einheimische und Touristen ziehen vorbei.
Die Wirtin kommt heraus und ich frage sie nach dem Geheimnis.
Aus ihrer Sicht liegt es daran, dass ihr Café ganz normal ist, nichts besonderes.
Sie bekommt einen Anruf, jemand will in ein paar Minuten das Tagesgericht abholen.
Sie verschwindet nach innen, nimmt meine Bestellung für einen weiteren Kaffee mit.

Natürlich fahre ich auch ein paar Strecken mit der historischen Tram.

Am dritten Morgen ist das Wetter nicht besonders gut, daher gehe ich in ein Museum.
Ich entscheide mich für das MAAT, das Museum of Art, Architecture and Technology.
Es liegt etwas abseits des Stadtzentrums in Belém, direkt am Tejo, die Architektur nimmt in einer Wellenform das Thema „Wasser“ auf.
Ich sehe mir das Hauptgebäude an, dort gibt es im Wesentlichen Videoinstallationen.
Nach 2 1/2 Stunden ist meine Aufnahmekapazität erschöpft, bewegte Bilder sind anstrengender als statische, auf das zweite Gebäude verzichte ich.

Ich fahre wieder Richtung Stadtzentrum.
Wobei das gar nicht so leicht auszumachen ist.
Eine gewisse Unübersichtlichkeit trägt möglicherweise dazu bei, dass Lissabon und ich noch ein bisschen fremdeln.
Lissabon hat viele schöne Ecken, aber so richtig habe ich den Zugang noch immer nicht gefunden.
Ich schaue mir ein sehr modernes Einkaufszentrum an, es liegt relativ weit oben, weg vom Tejo.

Von dort gehe ich zu Fuß zurück zum Fluss. Und da kommen wir uns näher, Lissabon und ich.

Es ist der Vorabend von Fronleichnam, einem Feiertag.
Am Rande eines Parks, rund um einen winziges Kiosk, sitzen viele Lisboetas und läuten den Feiertag bei einem Bier ein.
Ich setzte mich zu ihnen und genieße die Atmosphäre.
Die Sonne wird langsam oranger, ein Mann spielt Gitarre und singt dazu.

Auf meinem weiteren Weg Richtung Tejo komme ich an einer Tür vorbei, aus der Jazz perlt.
Es klingt nach Livemusik, hinter der Tür führen Stufen hinab in einen Keller.
Da wird tatsächlich live gespielt.
Die Atmosphäre ist sehr familiär, Kinder laufen umher.
Ich setzte mich für eine Zeit dazu.

Auch sonst sind viele Straßenmusiker und Künstler unterwegs, ein kleiner, goldener Mann schwebt über dem Pflaster.
Ich lande wieder im „Time Out Market“, auch hier Musik.
Den Tag lasse ich in der LX-Factory ausklingen, auch hier ist noch viele Leben.

Im Hostel habe ich zu den geplanten 4 noch eine weitere Nacht und noch 2 Betten gebucht.
Am Montag habe ich während meiner Fahrradtour Screenshots von möglichen Flügen auf mein Handy bekommen. Ohne Lesebrille und unvorbereitet hat es etwas gedauert, bis ich begriffen habe, dass ich Mitfahrer bekommen werde, die ich am Donnerstag vom Flughafen abhole.
Wer ist das?
Warum kommen sie?
Was machen wir dann?

Schalten Sie unbedingt wieder ein, wenn es heißt: Christian auf Busfahrt!

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One Comment

  1. Pingback: Bordeaux – Christian Ortlieb

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