Tarifa

Hindernisse

Ich fühle mich also erholt, als ich von La Herrudura aufbreche.
Das ist auch dringend nötig!
Es beginnt damit, dass ich morgens meine Bettwäsche zum Lüften auf einen Stuhl in die Sonne lege.
Als ich mich wieder umdrehe, hat ein Vogel darauf geschissen.

Während mein Frühstückstee in der Thermoskanne zieht, mache ich den Bus weiter fahrfertig.
Dabei schmeiße ich die offene Kanne um und verteile den heißen Tee großzügig über mich und den Bus.

Nachdem ich den Tee so gut wie es geht aufgewischt habe und der Bus wirklich startklar ist, fahre ich ab.
Die Idylle am Straßenrand trügt, aber das weiß ich da noch nicht.

Die Strecke ist nicht zu lang, gute zwei Stunden.
Nachdem ich hinter einer Mautstation auf der Autobahn wieder anfahre, merke ich, das etwas nicht in Ordnung ist.
Ich halte auf dem Standstreifen und sehe mich einem platten linken Vorderrad gegenüber.

Nachdem ich den ersten Schock überwunden habe, hole ich das Ersatzrad unter dem Bus hervor.
Besonders vertrauenswürdig sieht es nicht aus, aber immerhin hat es halbwegs Luft.
Das Lösen der Radmuttern mit meinem Bordwerkzeug erweist sich aber als unmöglich.
Das ist mir eigentlich ganz recht, direkt an der Autobahn zu schrauben, auf der die Autos durchbrettern, fühlt sich ohnehin nicht so gut an.

Ich nutze also meinen „Europa-Schutzbrief“ und rufe bei meiner Versicherung an.
Es ist nicht ganz einfach.
Aber nach einer Positionsmeldung aus Google Maps, einem spanischen Anruf, von dem ich kein Wort verstehe und zwei Stunden in der glühenden Sonne am Autobahnrand, kommt Sergio und rettet mich.
Er findet einen Reifenwechsel an der Autobahn auch viel zu gefährlich, tippt sich an die Stirn wegen der vorbei rasenden Fahrer und nimmt mich Huckepack zum nächsten Rastplatz mit.

Dort werkelt er ziemlich rabiat an meinem Reifen umher, kommt aber mit meinem Schlüssel auch nicht weiter.
Eigentlich hatte ich eine Palette Profiwerkzeug erwartet.
Immerhin findet er dann irgendwo in einem Staukasten ein Eisenrohr als Hebelverlängerung und bekommt damit die Radmuttern heraus geschraubt.
An Hand des eingeprägten Datumscodes stellen wir fest, dass das Reserverad älter als das Auto ist – und das ist schon 16 Jahre alt.
Das wirft drei Fragen auf:
– wie kommt das Reserverad an mein Auto?
– warum haben Gebrauchtwagenhändler so einen schlechten Ruf?
– traue ich dem Rad die verbleibende Tour zu?

Ich will mal nur die dritte Frage beantworten: Nein!
Also beschließe ich in Tarifa zwei neue Reifen zu kaufen.
Bis dahin trägt der Reifen mich aber ohne Probleme.
Als ich ankomme, es ist ein Freitag, hat der Reifenhändler aber schon geschlossen. Vor Montag werde ich da nichts.
Also beziehe ich meinen Campingplatz und erhole mich von diesem Tag mit Hindernissen.

 

Tarifa wohnt ein Zauber inne

Wir haben es schon im vorigen Jahr gemerkt, als wir während unseres Spanienurlaubes Tarifa besucht haben und ein paar Tage später noch einmal hinfuhren.
Tarifa hat etwas.

Ist es der lange Sandstrand?

Sind es die vielen Surfer, heute meistens von einem Kite gezogen, die den Strand bunt machen und lässige Surferatmosphäre in die Stadt tragen?

Ist es die geografische Lage?
Tarifa ist die südlichste Stadt des europäischen Festlandes.
Nirgendwo ist Afrika näher, hier ist es rund 14 km entfernt. Abends sieht man die Lichter der marokkanischen Stadt Tanger gegenüber leuchten.
Zu einer kleinen vorgelagerten Insel führt ein kurzer Damm.
Links spülen die Wellen des Mittelmeeres an, rechts die Wellen des Atlantiks.

In Paulo Coehlos bekanntem Buch „Der Alchimist“, spielt Tarifa eine Rolle, hier startet der Protagonist seine Reise nach Afrika.

Vielleicht ist es von allem ein bisschen.

 

Ich genieße die Atmosphäre zwischen Strand und Altstadt.
Ich gehe öfter ins „Bossa“, gleich hinter einem Zugang zur Altstadt, dem Tor „Puerta de Jerez“.
Außerdem gibt es köstliche, frische Säfte und leckere Toasts zum ersten oder zweiten Frühstück, im Cafè 10.
Hier ist auch ein Lieblingsort der digitalen Nomaden, die Tarifa für sich entdeckt haben.
Diese, meist jungen, Menschen arbeiten ortsunabhängig mit Hilfe des Internets.
Sie brauchen nicht mehr als ihr Notebook und einen guten Internetanschluss.
In Tarifa kann man günstig leben (das ändert sich allerdings ziemlich, wenn es Richtung Hochsaison geht), die besondere Atmosphäre spüren eben auch andere.

Da ich ein paar Sachen zu erledigen habe, nicht zuletzt einen neuen Reisebericht, und mich diese Arbeitsweise fasziniert, miete ich mich für einen Tag in einem Coworking-Space ein.
Hier bekommt man für 10,– € am Tag einen Schreibtisch, einen Stuhl und Internetanschluss.
Es gibt eine Dachterasse mit Blick über Tarifa zum Chillen.
Außerdem ist ein Hostel angeschlossen, in dem mach auch günstig wohnen kann.

Als die Dame an der Rezeption kein Englisch spricht, bin ich ein bisschen enttäuscht.
Das internationale Flair der digitalen Nomaden Szene kommt irgendwie nicht richtig rüber.
Es sind auch nicht sehr viele Leute da. Die da sind, sind eindeutig eher der Chiller als der Digitalen Fraktion zuzuordnen.

Ich sitzte aber super schön in einem Raum mit Blick auf die Dachterrasse, auf der Terrasse wird das WLAN schwach und es ist zu windig.

Später kommt dann noch eine Holländerin mit ihrem Notebook in den Raum. Im Gegensatz zu den anderen Besuchern, ist sie nicht mehr ganz jung, 33.
Wir kommen ins Gespräch und sie ist tatsächlich eine leibhaftige digitale Nomadin.
Sie schreibt als Journalistin und „Copywriterin“ Texte für Internetauftritte verschiedener Firmen, führt auch mal ein Interview und schreibt dazu einen Text.
Sie ist seit 4 Wochen im Hostel und hat gerade eine eigene Wohnung gefunden. Sie will ein paar Monate bleiben, vielleicht ganz nach Tarifa übersiedeln.
Sie liebt die Wärme, die Atmosphäre in Tarifa, von ihr habe ich den Hinweis auf Paulo Coehlo.
Zwischen den Zeilen ist aber auch spürbar, dass sie mit ihrem Leben in Holland nicht richtig zufrieden war.

Mañana

Am Montag finde ich eine Werkstatt, die einen vertrauenswürdigen Eindruck macht.
Wir einigen uns auf einen Preis für zwei neue Reifen, dann habe ich auch einen anständigen Reservereifen.
Während mein Auto neue Reifen bekommt, lasse ich mir die Haare schneiden, es kostet weniger als die Hälfte des Preises zu Hause.
Leider ist das Auto am Abend nicht wie versprochen fertig, die Reifen sind nicht gekommen.
Mil perdones,  mañana, morgen sind die Reifen da.
Am nächsten Tag sind sie dann tatsächlich da, der Wechsel klappt genau wie besprochen (die beiden neuen Reifen auf die Vorderachse, einer der alten Reifen auf das Reserverad, der alte Reservereifen in die Tonne).
Als ich merke, dass sie sogar den Reservereifen wieder an seinem Platz unter dem Auto verstaut haben (der platte Reifen lag im Innenraum) gehe ich noch mal zurück und bedanke mich.

Ein bisschen bin aber doch enttäuscht.
Ich dachte, ich bin außerhalb der Beamtenwelt so eine Art Sabbatjahr-Pionier.
Der Chef der Autowerkstatt erzählt mir aber, das wäre gut, hat er auch schon gemacht: aber nicht nur ein sondern zwei Jahre!
Die digitale Holländerin im Coworking-Space hat ebenfalls schon ein Sabbatjahr hinter sich.
Na gut, dann eben kein Pionier sondern in bester Gesellschaft.

In Tarifa mache ich etwas, das ich sonst kaum gemacht habe: das Auto morgens wieder fahrfertig und fahre damit in die Stadt.
Teils brauche ich das Auto, um Reifen daran schrauben zu lassen.
Außerdem ist der Campingplatz über eine Stunde Fußmarsch an einer Straße vom Zentrum entfernt.
Dafür liegt er direkt am Strand.

Am ersten Tag versuche ich auch über den Strand in die Stadt zu gehen.
Unterwegs muss ich aber an einem tiefen Priel kapitulieren, über den Kitesurfer vom Meer in eine Art Binnensee flitzen.
Also nehme ich doch das Auto.
Hier wäre es zum ersten Mal sehr hilfreich gewesen, ein Fahrrad mitzunehmen.

Als ich fahre, kann ich mir gut vorstellen, nicht das letzte Mal in Tarifa gewesen zu sein.
Mit Tarifa verlasse ich auch Spanien.
Mein nächstes Ziel ist Tavira, 30 km hinter der Grenze zu Portugal.

Posted in Busfahrt.

2 Comments

  1. …Ich komme das nächste Mal mit, wenn es dich wieder nach Tarifa zieht! Das war wirklich traumhaft dort letzten Sommer, daran denke ich gerne zurück ♥️

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